Profamilia - Förderverein Hammerwaldschule e.V. - Hirzenhain

aktualisiert 03.01.2018
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Vorträge

Eine Integrationsaufgabe, die alle angeht

Pubertät und geistige Behinderung - Förderverein der Hammerwaldschule diskutierte mit Eltern und Experten

"Ich glaube, mein Kind kommt in die Pubertät..." Welcher Vater, welche Mutter hat das nicht schon gedacht - verbunden mit Angst, Genervtheit, dem Gefühl, das Kind loslassen zu müssen an Situationen, an Begegnungen, die nicht ohne Risiko sind. Solche Gefühle standen auch bei einer Gesprächsrunde in der Hirzenhainer Hammerwaldschule für praktisch Bildbare im Raum. Der Förderverein hatte eingeladen zu einem Abend mit dem Thema "Pubertät und geistige Behinderung ... auch wir werden erwachsen". Die Fördervereinsvorsitzende Elfi Salge-Loscher konnte einen Kreis von Eltern und Lehrkräften begrüßen, unter ihnen auch Schulleiter Wolfgang Krüger. Ebenso konnte sie die Referentin Regina Bätz, Sozialarbeiterin bei Pro Familia (Schlüchtern) und Mutter von zwei Töchtern, von denen eine behindert ist, willkommen heißen
Die Referentin lud zunächst zu einem Erfahrungsaustausch ein. Eltern von Jugendlichen zwischen zehn und 19 Jahren saßen da zusammen, also persönlich mit dem Thema befasst. So stellte sich rasch eine Atmosphäre erfreulicher Offenheit ein. Die Eltern unterstützten sich gegenseitig und konnten zugeben, dass sie sich manchmal überfordert fühlen, etwa von der zunehmenden Abgrenzung der Kinder ("Ich bin groß, du hast mir gar nichts zu sagen!"), den Endlos-Diskussionen, dem Wunsch ihrer Kinder, an Veranstaltungen der Jugendszene, etwa Discos, teilzunehmen und "Ausgang bis zum Wecken" zu haben, den ersten Verliebtheiten... Ungewöhnlich? Auffällig? Ganz gewiss nicht - auch andere Eltern kämpfen sich mit einigem Nervenaufwand bis zu dem Zeitpunkt durch, da ihre Kinder zur erwachsenen Identität gefunden haben und es im besten Fall eine Partnerschaft auf gleicher Ebene gibt.
Doch es zeigte sich im Gespräch, dass Eltern geistig behinderter Heranwachsender besondere, sehr wohl nachvollziehbare Sorgen haben. Oft sind die Jugendlichen auch in ihrer sozialen Entwicklung verzögert, konnten durch eine eingeschränkte Mobilität weniger Erfahrung mit Gleichaltrigen, mit besonderen Situationen machen. Für sie ist es schwerer, etwa in der Disco die Atmosphäre einzuschätzen: Achtung, die Clique da drüben sucht Streit - besser Abstand halten! oder: Dicke Luft, zu viel Alkoholisierte hier, ich mach, dass ich weg komm! Und die Alternative? Ganz offen gaben die Eltern zu, dass sie am liebsten ihre Kinder schützend begleiten würden - ein Unding in jeder Disco, eine Peinlichkeit, die den Jugendlichen in eine Sonderrolle bringen und zum Gegenstand von Spott und Anmache machen würde. Als nachahmenswert wurde ein Modell aus dem Vogelsbergkreis empfunden. Der dortige Familienentlastende Dienst betreut nicht nur einzelne Kinder und Jugendliche zu Hause, sondern organisiert einmal im Monat eine Jugend-Disco. Zivis, die den behinderten Teenagern im Alter näher stehen und meist als "cool" empfunden werden, holen sie ab und sind während der Fete dabei. Zumindest für eine Übergangsphase ein wünschenswertes Modell - die Hirzenhainer Eltern überlegen, wie sich so etwas auch im Osten der Wetterau organisieren lässt.
Und erstes erotisches Entdecken und Ausprobieren? Regina Bätz regte zunächst einmal an, Aspekte zu sammeln, die die Eltern mit Pubertät assoziieren. Zärtlichkeit, Schamgefühl, wachsende Bedeutung der Gleichaltrigengruppe, körperliche Reifung, Stimmungsschwankungen, Geheimnisse, Abgrenzung, vor allem von den Eltern, Ausprobieren an sich und Anderen, Leidenschaft, Romantik... Bätz stellte ein Modell eines Pubertätsforschers vor, das aus drei konzentrischen Kreisen besteht: Intimität im innersten, Kontakte im zweiten, Geschlechtsrolle im äußeren Ring.
In der entspannten Atmosphäre gelang ein guter Dialog. Der Wunsch an die Lehrkräfte nach Sexualkundeunterricht in der Schule wurde mit dem Gegenmodell des Situationsansatzes beantwortet. wenn Jugendliche fragen, Kontakte knüpfen, Probierverhalten zeigen, wird im Gespräch darauf eingegangen. Schulleiter Krüger schlug vor, im Kollegium für die Mittel- und Hauptstufe Unterrichtselemente zu den Themen Sexualität und Geschlechtsrolle zu planen. Ein weiteres Thema waren Verhütungsmittel.
Manchmal entstand der Eindruck, dass die Referentin die Ablösung der jugendlichen vom Elternhaus - zweifellos ein notwendiger Schritt - allzu euphorisch einschätzte. Ohne Zweifel brauchen praktisch bildbare Jugendliche mehr solidarische Begleitung als Gleichaltrige. Leichter wäre das Loslassen für die Eltern ganz gewiss, wenn ihre Kinder in der Umgebung - Nachbarschaft, Gleichaltrigengruppe, Orte wie Kino, Schwimmbad, Schnellrestaurant - immer hilfsbereites Entgegenkommen fänden . Das ist eine Integrationsaufgabe, die alle angeht.
Hier ein Paar Bilder von dem Pro Familia-Vortrag.

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